Strandgut

  • Strandgut: das sind die Dinge, die keinem gehören deshalb also dem, der sie findet. Gebleichte, zerwachsene, salz-und rostbesetzte Geschenke. Jedem Stück – ich bin erst nach und nach darauf gekommen – ist etwas abzuhorchen, jedes, auch das alltäglichste ist bereit etwas zu erzählen.
  • Was du hier am Strand erfahren willst, musst du dir erfinden, denn magst du auch noch so viel entdecken und sammeln: über seine Herkunft schweigt jedes Ding. Wer den Ast brach, den die Wellen an Land warfen, kann keiner ermitteln, doch du fühlst dich aufgefordert, dem weißen gepökelten Holz eine Reise zu entwerfen, zu denken, welche Strömungen es entführten, wo es sich verfing und wie es zu der Manschette aus unentwirrbaren Halmen gekommen ist. Wie glatt, wie poliert sich der Ast anfühlt. Und wie viel Zeit Halme und Seegras brauchten, um sich so am Holz zu befestigen.
  • Zeit: hier am Strand geht dir gleich auf, dass ein Tag wie ein Tropfen ist, ein Tropfen aus diesem unendlichen Wasser. Gelassener als das Meer arbeitet keiner. Ob es aufbaut oder verbraucht, ob es rosten oder versteinern lässt, ob es anschwemmt oder mit heftigen Schlägen wegwäscht: ihm gelingt alles, denn auf seiner Seite ist der Sieger Zeit…
  • Am Ende eines Strandgangs, da mach es wie ich: nimm dir ein Stöckchen und ritz deinen Namen in den Sand dort, wo er feucht ist und die Welle noch hinlangt; ritz ihn ein und warte und sieh zu, wie er erlischt. Danach kannst du leicht fortgehen.

Siegfried Lenz